Prof. Dr. Hans Tietmeyer: Die Bankenkrise ist eine Vertrauenskrise

Der frühere Bundesbankpräsident und Kuratoriumsvorsitzende der INSM, Prof. Hans Tietmeyer, hat in einem Interview mit den VDI Nachrichten zur aktuellen Bankenkrise Stellung genommen. Die INSM dokumentiert Auszüge dieses Interviews:

Mitte Juni 1948 fand die Währungsreform in Deutschland statt und für die Bundesrepublik begann der Weg in die Soziale Marktwirtschaft. Das liegt nunmehr 60 Jahre zurück. Sicherlich ein Grund zum Feiern, wenn da nicht die Finanzkrise wäre, die Kritiker sogar mit dem Ende der Marktwirtschaft verbinden.

TietmeyerRichtig ist, dass wir gegenwärtig infolge der internationalen Finanzkrise mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind. Dennoch haben wir allen Grund, in diesem Jahr auch 60 Jahre Soziale Marktwirtschaft im Nachkriegsdeutschland zu feiern. Auf der Grundlage des nach der Währungsreform 1948 von Ludwig Erhard begonnenen Aufbaus der Wirtschafts- und Sozialordnung nach dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ist unser Land wiederaufgebaut worden. Schon bald hat eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung eingesetzt, und wir haben erheblichen Wohlstand erreicht. Darauf können wir stolz sein. Und ich bin überzeugt: Wir können und werden diese Erfolgsstory fortsetzen, wenn wir die derzeitige Finanzkrise richtig bekämpfen und die Weichen auch für die Zukunft richtig stellen.

Ich glaube schon, dass in der Finanzwelt der letzten Jahre auch bei manchen Produkten und Geschäften mehr Vorsicht und Zurückhaltung notwendig gewesen wäre. Leider sind manche der Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten jedoch auch durch problematische makroökonomische Entwicklungen gefördert worden.

Erstens ist meines Erachtens die monetäre Politik in den USA nach dem 11. September 2001 zu lange zu expansiv betrieben worden. Zweitens ist es in den letzten Jahren immer stärker auch zu problematischen Wechselkursentwicklungen insbesondere zwischen einigen asiatischen Währungen und dem US-Dollar gekommen. Der gewaltige Aufbau von Dollarreserven hat nicht nur in den asiatischen Ländern zu einer erheblichen Liquiditätsausweitung in eigener Währung geführt und den Export dieser Länder künstlich gefördert. Darüber hinaus wurden die Dollars auch zu einem erheblichen Teil in den USA wieder angelegt. Durch diese Dollarkäufe und -anlagen wurde das Wachstum in den USA - bei hohen Handelsbilanz und Budgetdefiziten sowie teilweise negativer Sparquote - künstlich stimuliert. Diese Wechselkursverzerrungen haben aber nicht nur zu einer übermäßigen Expansion der Realwirtschaft in den USA geführt, sondern auch zu übermäßiger Finanzierung im Hypothekenbereich, die zudem in den USA auch durch eine beschleunigte Deregulierung begünstigt wurde. Im Umgang mit der Liquidität sind an den Finanzmärkten so eine Menge von Fehlern begangen worden, sicherlich nicht nur in den USA selbst, sondern auch in anderen Ländern. Man hätte insgesamt vorsichtiger sein müssen - vor allem in der Bankenwelt, wo sich auch im Zusammenhang mit vielen neuen Produkten zuviel Euphorie ausgebreitet hatte.

Viele Banker schienen erschrocken - zumindest vom Ausmaß der Krise. Schon bald erklang der Ruf nach dem Staat. Und der Staat hat inzwischen ein Rettungspaket beschlossen. Ist das marktwirtschaftlich konformes Handeln?

Hier muss man unterscheiden: Geht es um einzelne Unternehmen oder um das System insgesamt? In der gegenwärtigen Finanzkrise geht es leider auch um das System selbst. Das weltweit verloren gegangene Vertrauen an den Märkten untergräbt die Funktionsfähigkeit der Märkte, und das kann bei längerem Anhalten das marktwirtschaftliche System insgesamt gefährden. Deswegen muss das weitere Abrutschen der Märkte jetzt gebremst und damit der entstandene weltweite Brand wieder gelöscht werden. Aber dann gilt es noch ein Regelsystem zu entwickeln, das einerseits dem Markt genügend Spielraum lässt, das aber andererseits Hypertrophien, wie wir sie jetzt erleben, künftig so weit wie möglich verhindert. Das wird schwierig werden, weil dazu nicht nur eine internationale Verständigung - mindestens der größeren Länder - über ein neues Regelwerk benötigt wird; auch die tatsächliche Durchsetzung der Regeln ist natürlich wichtig. Innerhalb dieser Regeln müssen die Banken dann allerdings auch künftig eigenverantwortlich handeln und die Risiken selbst tragen.

Hätte das auch Ludwig Erhard, der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, so gesehen?

Ich glaube ja, denn die derzeitigen staatlichen Rettungsaktionen dienen nicht dem Schutz einzelner Interessen, sie dienen vor allem dem Schutz und der Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Systems. Erhard war überzeugter Marktwirtschaftler. Er hat sich jedoch immer für eine Rahmenordnung zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft ausgesprochen. Angesichts der Internationalisierung der Märkte brauchen wir heute auch ein internationales Regelsystem für den Finanzbereich. Dabei geht es nicht darum, nationale Märkte abzuschotten: es geht vielmehr darum, sie dauerhaft funktionsfähig zu halten.